Ergotherapie

1. Woher kommt die Ergotherapie?

Schon 1741 berichtete der französische Arzt Dr. Pinel über Behandlungserfolge bei psychisch Kranken durch regelmäßige Arbeit. Dem schlossen sich 1798 Benjamin Rush aus Philadelphia und 1803 der deutsche Psychiater Johann Friedrich Reil an. Auch sie hoben den Wert der Arbeit für die Heilung psychisch Kranker hervor. Durch den deutschen Psychiater Hermann Simon erfuhr die Arbeitstherapie in den 1920er-Jahren eine besondere Förderung. Der entscheidende Wandel in der Entwicklung der Arbeitstherapie zur Beschäftigungstherapie hat sich aber während des 1. Weltkrieges in den USA vollzogen.

Erstmals wurden geschulte Kräfte zur Behandlung Verletzter und Verwundeter eingesetzt. Das erste Jahrestreffen der amerikanischen Beschäftigungstherapeuten/-innen fand 1917 in New York statt. Hier wurde auch der Begriff Beschäftigungstherapie eingeführt. In Boston, Philadelphia, und St. Louis entstanden die ersten Schulen. Während des 2. Weltkrieges wuchs der Bedarf an dieser Berufsgruppe außerordentlich schnell, sodass eine Anzahl neuer Schulen in Amerika gegründet wurde.

Die Entwicklung der Beschäftigungstherapie in Deutschland hat im Vergleich dazu nicht Schritt gehalten. Erst 1946 wurden auf Anregung und mit Unterstützung des Britischen Roten Kreuzes in der Landeskrankenanstalt Bad Pyrmont die ersten Kurzlehrgänge zur Ausbildung von Beschäftigungstherapeuten/-innen eingerichtet, aber 1950 schon wieder beendet. 1953 wurde die Beschäftigungstherapie durch einen Erlass des Niedersächsischen Sozialministers staatlich anerkannt. Die erste staatlich anerkannte Schule für Beschäftigungstherapie entstand an der orthopädischen Klinik des Annastiftes in Hannover-Kleefeld.

Bis 1965 existierten lediglich sieben Schulen. 1977 trat ein neues Gesetz über das Berufsbild von Beschäftigungs- und Arbeitstherapeuten/-innen in Kraft. Diese Richtlinien regeln die jetzt dreijährige Ausbildungszeit. Sie fügen Arbeitstherapie und Beschäftigungstherapie zusammen unter der neuen Berufsbezeichnung „Ergotherapie“. Danach entstanden über 20 neue Fachschulen. Im Zusammenhang mit diesem Gesetz und der Psychiatrie-Enquete kam es zu einer deutlichen Aufwärtsentwicklung der Ergotherapie.

Neue Tätigkeitsfelder im nichtstationären und ambulant-selbstständigen Bereich eröffneten sich. Die fachliche Qualifikation der Ergotherapeuten/-innen hat sich in den letzten Jahren soweit gesteigert, dass heute geplant wird, die Ausbildung auch als Studiengang an den Fachhochschulen anzubieten. Derzeit findet erstmals ein weiterführender berufsbegleitender Studiengang „Ergotherapie“ für bereits ausgebildete Ergotherapeuten/-innen an der Fachhochschule Osnabrück statt. In den neuen Bundesländern sind neue Fachschulen im Aufbau begriffen.

2. Welche Idee steckt dahinter?

Die Ergotherapie setzt sich aus zwei Bereichen zusammen: Beschäftigungstherapie (BT) und Arbeitstherapie (AT). Die Beschäftigungstherapie soll psychisch Kranken die Möglichkeit eröffnen, ihr seelisches Befinden mittels kreativer und handwerklicher Techniken sowie lebenspraktischer Übungen (z. B. Kochgruppe, Hausbesuche) zu verbessern. Bei diesem Vorgehen sollen vorhandene Kräfte erhalten, bzw. dem Abbau von Eigeninitiative entgegengewirkt werden. Im Vordergrund steht die Stärkung der gesunden Anteile. Die aktive Auseinandersetzung mit den angebotenen Techniken, Materialien und Medien (z. B. Arbeiten mit Ton, Holz, Metall, Peddigrohr, Textilien, bildnerischen Mitteln, Musik, Literatur) und die gefundenen Umsetzungsmöglichkeiten stärken das Selbstvertrauen und helfen, das alltägliche Leben zu bewältigen.

Eigene Ideen können entwickelt und verwirklicht werden. Darüber hinaus ist die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeits- und Vorgehensweise dabei behilflich, zu einer realistischen Selbsteinschätzung der eigenen Möglichkeiten zu gelangen. Ausdruckszentrierte Gruppen (z. B. Lesekreis, Mal- und Musikgruppe) bieten die Möglichkeit, sich mitzuteilen und mit anderen in Kontakt zu treten. So können in der BT neben der Kommunikationsfähigkeit auch z. B. Konzentration, Gedächtnis, Ausdauer und Ausdrucksfähigkeit gefördert werden. Die Beschäftigungstherapie appelliert daran, das Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Wenn in einer Psychose manches aus den Fugen geraten ist, kann das Erleben einer äußeren Struktur, z. B. durch eine konkrete Aufgabenstellung und das gemeinsame Planen und Durchführen von Handlungsabläufen, auch dazu beitragen, die innere Struktur wieder zu finden.

3. Wie wird behandelt?

Die Einzelbehandlung: Diese empfiehlt sich für Patienten/-innen, die eine intensive Betreuung, eine direkte Anleitung sowie eine ruhige Umgebung benötigen. Nach dem ersten Kontakt, der in den meisten Fällen auf der Station stattfindet, werden gemeinsame Termine besprochen und der weitere Verlauf geplant. Hat der/die Patient/-in eigene Vorstellungen, mit welchen Materialien oder Medien er/sie arbeiten möchte, können diese mit eingebracht werden. Gemeinsam wird der weitere Verlauf der Behandlung besprochen. So kann der/die Kranke in der Behandlung eigene Werkstücke anfertigen. Es besteht die Möglichkeit, aufbauend und durch Steigerung der Anforderungen weiter mit einem Material/mit einer Technik zu arbeiten oder aber auch neue, andere Materialien auszuprobieren.

Die Kleingruppe: Diese Methode ist geeignet für Patienten/-innen, die in der Lage sind, mit zwei oder drei Mitpatienten/-innen und dem/der Therapeuten/-in in einem Raum zu arbeiten. Dazu gehört auch, dass eine zeitweilige Abwesenheit des/der Therapeuten/-in ausgehalten werden muss. In der Kleingruppe kann jeder/jede Patient/-in an seinem/ihrem eigenen Werkstück arbeiten. Alternativ dazu kann eine Gruppenarbeit gemacht werden, in der alle an einem Projekt arbeiten. Das gemeinsame Werkstück wird vorher auch gemeinsam geplant, die Zuständigkeiten und jeweiligen Arbeitsschritte werden abgesprochen und durchgeführt.

Die Gruppentherapie: An einer Gruppentherapie können/sollten Patienten/-innen teilnehmen, die sich schon soweit stabilisiert haben, dass es ihnen möglich ist, an einer Gruppe mit max. 15 bis 20 Personen teilzunehmen. Die Gruppentherapie stellt somit von den Anforderungen an Selbstständigkeit und Kommunikationsfähigkeit untereinander eine Steigerung der Anforderungen gegenüber der Kleingruppe dar.

In der Gruppentherapie kann wieder entweder jede/r an seinem/ihrem Werkstück arbeiten, oder aber es kann wieder eine gemeinsame Arbeit geplant und durchgeführt werden. Im Vordergrund steht dabei der Gruppenprozess, d. h. die Entwicklung und psychische Stabilisierung der Patienten/-innen wird über die gemeinsame Arbeit, die Kontaktaufnahme und die Verständigung untereinander angeregt und gefördert.

Über die handwerkliche Methode hinaus, die ihren Schwerpunkt im Entstehungsprozess des Werkstückes hat, also methodisch prozessorientiert ist, gibt es auch die kreative Methode. Dabei geht es um den Ausdruck des entstandenen Werkstücks. Über Material, Farbe und Form kann die Patientin/der Patient sich anderen Gruppenmitgliedern oder dem/der Therapeuten/-in gegenüber ausdrücken, mitteilen und ins Gespräch kommen. Das Arbeiten mit Literatur, Musik und bildnerischen Mitteln gehört zu der ausdruckszentrierten Methode.

4. Wo und wann wird die Ergotherapie angewendet?

Beschäftigungstherapie wird stationär, teilstationär und ambulant angeboten. Im stationären Bereich finden beschäftigungstherapeutische Behandlungen in eigenen Abteilungen an psychiatrischen, psychosomatischen und psychotherapeutischen Kliniken statt. In Ausnahmefällen auch auf der Station, bei Bedarf direkt am Bett. Die Größe dieser Abteilung richtet sich nach den räumlichen und personellen Möglichkeiten der Klinik. In der Regel hat eine solche Abteilung mehrere Räume zur Verfügung, welche die Möglichkeiten bieten, mit verschiedenen Materialien (z. B. Ton, Holz, Metall, Leder, Peddigrohr, Pappe, Papier, Textilien) und den dazugehörigen Werkzeugen zu arbeiten. Teilstationär wird Beschäftigungstherapie in Tageskliniken und Tagesstätten angeboten und durchgeführt. Die ambulante Behandlung kann in freien Praxen sowie in sozialpsychiatrischen Ambulanzen der psychiatrischen Kliniken erfolgen.

Beschäftigungstherapie kann also im Akutstadium, im entaktualisierten sowie im chronischen Stadium der Erkrankung durchgeführt werden.

Empfehlungen für die Anwendung:

  • Bei einer Manie bietet sich Einzeltherapie in einer möglichst reizarmen Umgebung an, da so die Patienten/-innen mehr Ruhe und Struktur erlangen können.
  • Bei einer depressiven Erkrankung ist anfänglich Einzeltherapie sinnvoll, da die Patientin/der Patient hier die uneingeschränkte Aufmerksamkeit erhält und dadurch positiv unterstützt und bestärkt werden kann. So bald wie möglich sollte dann eine Gruppenbehandlung erfolgen, in der der/die Patient/-in durch die anderen Teilnehmer/-innen ein positives Feedback bekommt, bzw. eine realistische Selbsteinschätzung entwickeln kann.
  • Steht die Angst im Vordergrund der Erkrankung, kann es auch sinnvoll sein, die Behandlung in einer Einzeltherapie zu beginnen. So ist mehr Raum und Zeit vorhanden, sich schrittweise mit dem Material, der eigenen Arbeitsweise und den damit verbundenen Ängsten auseinander zu setzen. Im Anschluss daran sollte, wenn möglich, eine Gruppenbehandlung erfolgen.

5. Welche Risiken sind zu beachten?

Mit Patientinnen und Patienten, die noch sehr stark unter den krankheitsbedingten Symptomen leiden, vor allem bei psychotischen Erkrankungen, ist es in der Regel günstiger, nicht kreativ und ausdruckszentriert zu arbeiten. Hier besteht die Gefahr der Überforderung, besonders wenn emotionaler Stress nicht mehr ausgeglichen werden kann, bis hin zu einer psychotischen Dekompensation.

Bei hoher Dosierung der Medikamente ist Vorsicht geboten, da die eventuell auftretenden Nebenwirkungen die Patienten/-innen so extrem beeinträchtigen können, dass diese sehr schnell an ihre momentanen Grenzen gelangen. Die sonst positive Wirkung der BT kann dann durch zu frühe und eigentlich ungerechtfertigte Frustrationen ins Gegenteil umschlagen.

6. Was ist besonders wichtig?

In jedem Stadium der psychischen Erkrankung ist Beschäftigungstherapie zu empfehlen, da durch die methodische Breite jeweils gezielt auf den/die Patienten/-in eingegangen werden kann. Für akut psychotische, reizoffene, antriebsgesteigerte oder suizidale (und dadurch nicht gruppenfähige) Patienten/-innen ist eine Einzelbehandlung empfehlenswerter.

Besteht bei dem/der Patienten/-in eine geringe Frustrationstoleranz (z. B. durch beeinträchtigende Nebenwirkungen aufgrund einer hohen Dosierung mit Neuroleptika), so sollte dies in der Behandlung angesprochen werden, um die Patienten/-innen von möglicher ungerechtfertigter Selbstkritik zu entlasten.

Bei akut psychotischen Patienten/-innen empfiehlt es sich, nur solche Techniken anzubieten, die ein schnelles Erfolgserlebnis begünstigen. Neigungen der Patienten/-innen bzgl. der Materialien sollten mitberücksichtigt werden. Für die Motivation der Patienten/-innen ist es oft förderlich, Gegenstände anzufertigen, die einen Realitätsbezug schaffen. Es kann in der Behandlung sinnvoll sein, die Herangehensweise und den Umgang mit dem Material, beispielsweise eine hohe Leistungsanforderung an sich selbst, die Abwertung des eigenen Produktes, eine Neigung, sich mit seinem Arbeitsstück in der Gruppe zu isolieren, ein überhöhtes Selbstbild oder eine ängstliche Umgangsweise mit dem Material, zu thematisieren.

Wichtig ist die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen! Mit dem behandelnden Arzt bzw. der Ärztin, dem Pflegepersonal auf der Station, den Sozialarbeitern/-innen und Krankengymnasten/-innen sollten die Behandlungsinhalte sowie die Perspektiven, die sich nach dem Klinikaufenthalt bieten, inhaltlich abgestimmt werden. Wendet sich der/die Patient/-in an eine freie Praxis für Ergotherapie, so ist es empfehlenswert, sich nach der Qualifikation des/der Therapeuten/-in zu erkundigen. Wichtig ist es zu wissen, ob der/die Ergotherapeut/-in Erfahrungen in der Behandlung mit psychiatrischen Patienten/-innen hat und ob er/sie zusätzliche Ausbildungen, z. B. in Gestaltungs-, Kunst- oder Musiktherapie erworben hat. Es ist legitim und sogar ratsam zu fragen, ob die Arbeit supervidiert, d. h. mit einem/einer externen facherfahrenen Kollegen/-in durchgesprochen wird!

7. Was kostet eine Ergotherapie?

Ergotherapie ist eine Therapiemethode, die von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt ist. Verordnet der Hausarzt/die Hausärztin oder der/die Psychiater/-in Ergotherapie, so werden die Kosten von der Krankenkasse getragen.

8. Adressen / Links zur Ergotherapie

  • Beim Berufsverband der Ergotherapeuten können Listen von freien Praxen für Ergotherapie angefordert werden: Deutscher Verband der Ergotherapeuten (Beschäftigungs- und Arbeitstherapeuten) e. V., Postfach 2208, 76303 Karlsbad, Tel. 07248/9181-0, Fax: 918171, www.ergotherapie-dve.de, E-Mail: info@ergotherapie-dve.de.
  • Viele Informationen und interessante Links auf der Homepage der Aha-Initiativen für Ergotherapie: www.aha-netz.de.
  • In der Schweiz: Ergotherapeuten Verband Schweiz, Stauffacherstr. 96, CH-8026 Zürich, Tel. (0041)(0)1/2425464, www.ergotherapie.ch, E-Mail: evs-ase@ergotherapie.ch.
  • In Österreich: Verband der diplomierten Beschäftigungs- und Arbeitstherapeuten Österreich, Sperrlgasse 8-10, A-1150 Wien, Tel. (0043)(0)1/8955476, www.ergotherapie.at, E-Mail: verband@ergotherapie.at.

 

 

Dr. med. Heike Melzer
Arzt Praxis für Coaching & Psychotherapie — Paar- und Sexualtherapie

Paradiesstr. 9
80538 München
Anfahrt →

089-55278322
E-Mail schreiben

 

 

 

 

 
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