Gestalttherapie

1. Woher kommt die Gestalttherapie?

Die Gestalttherapie und die sich mit aus ihr entwickelte Integrative Therapie sind tiefenpsychologische Verfahren, die sich der humanistischen Therapie verpflichtet fühlen. Sie gehen von der Grundannahme aus, dass jeder Mensch nach Selbstverwirklichung und Differenzierung seiner Anlagen strebt und sich dabei an kulturellen Werten ausrichtet. Ziel dieser Therapiemethoden ist, dass der Mensch sein Leben selbstverantwortlich, so lebendig und so stimmig zu sich selbst wie möglich wieder oder neu gestalten kann.

Als Begründer der Gestalttherapie gilt der deutsche Arzt und Psychoanalytiker Frederik S. Perls (1893–1970). Für die Entwicklung seiner Theorie war die Auseinandersetzung mit den Werken S. Freuds, der Gedankenaustausch mit der Berliner Psychoanalytischen Schule, der auch Schultz-Henke zugehörte, und die Diskussion der Veröffentlichungen Ferenczis von großer Bedeutung. Im praktisch-therapeutischen Bereich übernahm er von Karen Horney die Technik der beziehungszentrierten Analyseform im Sitzen und von Wilhelm Reich den Zugang zu emotionalen Konflikten über Körperinterventionen.

Über die Werke Ferenczis bekommt Perls erste Anregungen, das klassisch-analytische, eher abstinente Therapeutenverhalten in bestimmten Fällen zu modifizieren in Richtung auf einen »aktiven, elastischen« Stil. Hierbei darf der Therapeut, wenn es für die Behandlung sinnvoll ist, seine eigenen inneren Bilder, Gefühle und Wahrnehmungen mit einbringen.

Von Moreno übernimmt er Techniken des Psychodramas, wie Rollenspiele und Rollentausch, und entwickelt daraus die Arbeit mit dem leeren Stuhl (»hot seat« und »empty chair«). Auf diesem leeren Stuhl kann der Patient wichtige Personen aus seinem jetzigen Leben Platz nehmen lassen (z. B. Partner/-in) und sie direkt ansprechen bzw. über Rollentausch sich auch mit ihnen identifizieren.
Darüber hinaus kann er auch in einen Dialog zwischen widerstreitenden Tendenzen in sich selbst eintreten, z. B. einer Tendenz, die sich bei Stress ängstlich zurückzieht, und einer anderen, die sich etwas zutraut und sich durchsetzen kann.

Durch den Kontakt zu Paul Goodman bekommt die Arbeit von Perls eine politische Dimension. Solidaritätserlebnisse werden in Gestaltkibbuzim gefördert, in denen die Mitglieder in Gruppen über längere Zeit zusammen leben und arbeiten. Diese Bewegungen erweisen sich als therapeutisch wirksam im Sinne von »exchange learning« und »exchange helping«.

2. Welche Idee steckt dahinter?

All die Erfahrungen versucht Perls, zusammen mit seiner Frau Lore, in ein theoretisches Gerüst zu fassen. In seiner Zeit als Assistenzarzt in der Neurophysiologie bei Kurt Goldstein 1929 in Frankfurt lernt er die Gestaltpsychologie kennen.

Goldstein versuchte, gestaltpsychologische Gesetzmäßigkeiten, die aus der Beobachtung von Wahrnehmungsphänomenen abgeleitet wurden, auf innerpsychische Vorgänge zu übertragen. Wahrscheinlich entwickelte sich in der Auseinandersetzung mit diesen Erfahrungen der Begriff Gestalttherapie. Die wichtigsten Gesetze der Gestaltpsychologie sind:

  • Die Wahrnehmung wird in Gestalt und Hintergrund strukturiert (Figur versus Grund).
  • Der Grund wird als Reizgesamt gesehen.

Beispiel: Ist man durstig, sieht man aus dem Grundgesamt heraus eher Reklamen oder Symbole zum Durstlöschen, wie z. B. Flaschen, Gaststätten u. Ä.

Daraus folgt: Die Wahrnehmung bzw. das Auftauchen einer bestimmten Figur wird von der Bedürfnislage des Organismus bestimmt. Wenn diese Bedürfnislage befriedigt ist (z. B. Durst gelöscht), tritt diese Figur in den Hintergrund und lässt einer anderen Konstellation den Vortritt. Die Gestalt ist geschlossen.

Daraus folgt das Phänomen, dass der Mensch versucht, nicht geschlossene Gestalten zu komplementieren. Falls dies nicht gelingt, werden sie als unvollendete Handlungen in den Hintergrund gedrängt, wo sie ein unbehagliches Gefühl verursachen und die Menschen von anderen Aufgaben ablenken, mit denen sie sich gerade beschäftigen.

Mit dem Wort Prägnanztendenz meint die Gestaltpsychologie, dass die menschliche Wahrnehmung zur Vervollständigung neigt. Eine nur durch Punkte abgebildete Gestalt fügt sich in der Wahrnehmung z. B. zu einer Linie oder zu einem Kreis zusammen und schließt sich auf diese Weise. Der Begriff der Ganzheitlichkeit wird in ein therapeutisches Verständnis übersetzt. Das Ganze ist mehr und etwas anderes als die Summe seiner Teile.

Beispiel: Eine Melodie (das Ganze) ist mehr und anders als die Summe ihrer einzelnen Töne. Der Mensch besteht nicht nur aus Körper oder Seele. Dieser Dualismus wird überwunden in der Begrifflichkeit vom Menschen als Körper-Seele-Geist-Wesen. Der Hintergrund dieser »Gestalt« ist im Falle des Menschen sein soziales und ökologisches Umfeld.

Der Begriff der Isomorphie (Köhler) besagt, dass sich Konflikte immer gleichzeitig sowohl auf der Körper- als auch auf der emotionalen Ebene und der Ebene des Verstehens abbilden. So werden psychische Konflikte z. B. durch willkürliche oder unwillkürliche Bewegungen körperlich ausgedrückt, chronische Konflikte finden ihren Niederschlag in Körperhaltungsstörungen oder chronischen Verspannungen. Eine Intervention auf der Körperebene – und sei es nur das Lenken der Wahrnehmung auf den eigenen Körper bzw. die Körpersignale – haben auch immer Auswirkungen auf die anderen Ebenen.

Von S. Friedländer fügt Perls hier noch den Polaritätsbegriff hinzu. Er besagt, dass ohne den komplementären Hintergrund, ohne den Kontrast oder das Gegenteil jede Gestalt inkomplett ist, keine Schärfe hat und keine Unterscheidung möglich ist. Um also die Individualität eines Menschen sichtbar zu machen, ist es unabdingbar, die Rückseite oder das Gegenteil oder die Polarität von dem zu betrachten, was er selbst im Vordergrund zugänglich macht.

Beispiel: Ein Patient, der mit eng verschlungenen Armen und Beinen dem Therapeuten gegenübersitzt, wird aufgefordert zu spüren, wie es sich anfühlt, die Sitzhaltung zu verändern und die Arme zu öffnen.

Von Lewin übernimmt Perls zu guter Letzt den Feldbegriff. Er besagt, dass der Mensch in einem Beziehungsfeld mit voneinander unabhängigen und gleichzeitig bestehenden Beziehungen lebt. Der Schwerpunkt des therapeutischen Geschehens wird hiermit nochmals über das Individuum hinaus erweitert in Richtung auf sein soziales Umfeld. Hierdurch wird die Wichtigkeit des sich-aufeinander-beziehens in den Vordergrund gestellt.

Für die Gestalttherapie findet sich hier die Wurzel des »Hier-und Jetzt-Prinzips« (Anmerkung: wobei im Hier und Jetzt die Vergangenheit und die vorweggenommene Zukunft natürlich anwesend sind). Statt „Reden über etwas“ wird „Beziehen aufeinander“ gefördert und somit direkter Kontakt erfahrbar. Dadurch werden Atmosphären vergangener Szenen aus dem Dort und Dann in der Gegenwart im Hier und Jetzt wieder lebendig. Die Beschränkung des Kontaktes durch das Reden über etwas wird aufgehoben.

Therapeut: »Sag dies deiner Partnerin direkt, so, als ob sie jetzt hier wäre.« Oder (in der Gruppe): »Sprich Gertrud direkt an.«

Eine Weiterentwicklung erfahren die Ideen Perls in Deutschland durch Petzold innerhalb der Integrativen Therapie. Ein zentraler Begriff ist der Leib, der Ort, an dem alles Erlebte gespeichert ist, der erlebte und sich selbst erlebende Körper. Das Menschenbild der Integrativen Therapie betont die existenzielle Bezogenheit des Menschen auf seinen Mitmenschen. »Jeder Mensch steht in fundamentaler Beziehung (Ko-Respondenz) mit der Welt und seinen Mitmenschen.«

So ist ein Ich ohne das Du nicht denkbar, und das Ich kann sich nur in Beziehung zum Du entwickeln (Buber). Mit dem Begriff der Intersubjektivität (Marcel) wird betont, dass Beziehung sich immer zwischen zwei Subjekten abspielt. Zwischenmenschlichkeit ist also ein Ausdruck des ursprünglichen Bezogenseins des Menschen auf den anderen. Intersubjektivität ist somit Voraussetzung und Ziel nicht nur jeder therapeutischen, sondern jeglicher Beziehungsform.

Die Entwicklungstheorie geht davon aus, dass sich schon im Uterus ein archaisches Leibselbst ausbildet und vom ersten Tag der Geburt an jedes Kind direkt auf die Welt ausgerichtet ist, quasi ein Kommunikationsgigant. Allmählich bildet sich ein reflektierendes Ich. Das Kleinkind erkennt ca. mit zwölf Monaten die Mutter, mit 18 Monaten sich selbst im Spiegel und bemerkt im weiteren Verlauf (zwischen 2. und 3. Lebensjahr), wie es von den anderen Menschen gesehen wird. Aus dem Zusammenwirken von Identitätszuschreibungen und dem Sich-selbst-Identifizieren entsteht Identität als Summe aus »ich sehe mich« und »ich sehe, wie andere mich sehen«.

Dieser Prozess dauert ein Leben lang und ist stark vom sozialen Kontext abhängig.

In der Krankheitslehre wird die starke Umfeldabhängigkeit nochmals betont. Der Mensch ist kein Selbstversorger, er ist immer eingebunden in soziale Bezüge. In ihnen wird er eingeschränkt oder gefördert oder verletzt. Entwicklungsstörungen kommen zustande durch zu viel oder zu wenig Anreize oder Forderungen (Stimulierungen): Überstimulierung führt zu Traumata, Unterstimulierung zu Defiziten, uneindeutige Stimulierung oder unterbrochene zu Störungen und widerstreitende Stimulierung zu Konflikten. Dies kann zu Krankheiten oder Symptomen führen, wenn die Bewältigungsmechanismen des Menschen nicht mehr ausreichen. Krankheit entsteht nicht nur in der frühen Kindheit, sondern über die gesamte Lebensspanne.

Zusätzlich weist die Integrative Therapie darauf hin, dass durch Entfremdung von Natur, Arbeit und Zeit Krankheiten entstehen. Eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen zwingt dazu, der Krankheit die Gesundheit gegenüberzustellen, d. h., ein Krankheitsmodell muss um ein Gesundheitsmodell erweitert werden, da Krankheit und Gesundheit nicht isoliert voneinander existieren.

3. Wie wird behandelt?

Wesentlich war und bleibt, dass die Behandlung von Patienten sich nicht an den Möglichkeiten, an den Vorgaben und Zielsetzungen eines Verfahrens orientieren darf, sondern die Verfahren müssen sich mit ihren Methoden und Techniken von den Bedürfnissen der Patienten leiten lassen. Der Therapeut muss zusammen mit dem Patienten entscheiden, welche Zugänge die richtigen für diesen individuellen Patienten sind, mit welchen Methoden und welchen Techniken Veränderungen möglich werden.

Schon zu Lebzeiten Perls gab es in der Gestalttherapie zwei Hauptströmungen, die, bezogen auf Amerika, sich in Ost- und Westküsten-Stil unterteilten.

Der Westküsten-Stil ist von Perls und seinem Schüler Simkin weiter getragen worden und ist geprägt durch erlebnisorientiertes und übungszentriertes Arbeiten.

Der Ostküsten-Stil, geprägt durch Lore Perls, P. Goodman und E. u. M. Polster arbeitet stärker biografieorientiert mit Rückblenden in die Lebensgeschichte.

Ziel ist bei beiden Vorgehensweisen, eingeengte Sicht oder Blockaden der eigenen Geschichte im Hier und Jetzt zu bearbeiten und somit das Verhaltensrepertoire zu erweitern.

In Deutschland hat sich die Gestalttherapie auch in Form der Integrativen Therapie ein europäisches Gesicht gegeben. Der integrative Stil steht in der Tradition der Ostküste und hält die Mitte zwischen den abstinenten, auf Objektivierung ausgerichteten frühen analytischen Stilrichtungen einerseits, und dem erlebnisorientierten Westküsten-Stil andererseits.

4. Wo und wann wird die Gestalttherapie angewendet?

Der Therapeut wird Sie fragen, wie es Ihnen geht, wie es Ihnen in Beziehung zu ihm geht und wie es Ihnen in den Räumlichkeiten mit ihm geht (Kontext). Er wird Sie weiter fragen, wie tragfähig zur Zeit die fünf wichtigsten Bereiche in Ihrem Leben sind oder wo es zur Zeit innerhalb dieser Bereiche zu Störungen kommt:

  • Arbeit und Leistung
  • materielle Sicherheit
  • soziales Umfeld
  • Leiblichkeit
  • Normen und Werte

Er wird Sie auch nach Ihren Stärken fragen und nach Ihren Wünschen, was aus Ihrer Sicht verändert oder gefördert werden sollte; wo zu wenig Zuwendung und Wertschätzung in Ihrem Leben ist oder war (Defizite), wo Sie sich mit Schicksalsschlägen haben auseinander setzen müssen (Traumata) oder wo Sie mit sich und/oder der Umwelt in Konflikten standen oder stehen.

Er wird dann mit Ihnen gemeinsam versuchen, Ziele zu formulieren und sich mit Ihnen auf den Weg zum Erreichen dieser Ziele begeben. Teilziele werden abgesprochen und neue Ziele nach Erreichen der alten miteinander abgesteckt. In Absprache mit dem Therapeuten bestimmen Sie hierbei Richtung und Tempo des therapeutischen Prozesses. Der Therapeut wird Ihnen aber Behandlungsstrategien vorschlagen. Dabei richtet sich das therapeutische Handeln immer nach den bestimmten Zielen. Auf diese Ziele abgestimmt werden Methoden (z. B. Bewegungstherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie) und bestimmte Behandlungstechniken (z. B. Rollentausch, Arbeit mit dem leeren Stuhl, Identifikationstechniken, Lebenspanorama u. a.) und Medien (z. B. Farben, Puppen, Kollagen, Ton usw.) eingesetzt.

Im Vordergrund steht immer die tragfähige empathische Beziehung zwischen Ihnen und dem Therapeuten. Grundlage der Behandlung sind immer die Probleme der gesamten »Lebensspanne«, nicht nur Belastungen aus der Kindheit, sondern auch Schwierigkeiten in Ihrer aktuellen Lebenssituation und Befürchtungen für die Zukunft. Abhängig von der Ebene, auf der Sie einen guten Zugang zu sich finden, und abhängig von der Problematik wird Ihr Therapeut einen von »vier Wegen der Heilung« (Petzold) mit Ihnen zusammen einschlagen:

Sinnerfahrung und Vermittlung von Einsicht: Hierbei sollen Sie Ihre Problematik verstehen, indem sie in den Ursprüngen wieder erlebt wird und Sie sie mit Hilfe des Therapeuten in den Zusammenhang der damaligen und heutigen Erfahrungen stellen. Sie begeben sich also nochmals in alte, belastende Szenen und Emotionen hinein. Es ist dabei wichtig, dass es nicht einfach zu einem Ausleben von Gefühlen kommt, sondern dass Ihre Gefühle einen Adressaten finden, dass frühere Beziehungen bzw. Beziehungsstörungen im Hier und Jetzt wieder belebt werden.

Beispiel: In der gehaltenen Beziehung zum Therapeuten können Sie z. B. Empörung und Wut auf Ihre Mutter/Ihren Vater zum Ausdruck bringen, ohne die damalige Angst, deshalb von ihr/ihm verlassen zu werden. Meist kommt es sogar dazu, dass Sie danach das Verhalten Ihrer Mutter/Ihres Vaters begreifen, langfristig vielleicht sogar ihr/ihm verzeihen und so zu einer größeren inneren Ruhe kommen. Anders als damals werden Sie nun verstanden und gesehen, nämlich von Ihrem Therapeuten, und sind so in eine gute Beziehung eingebunden. Wutausbrüche von heute z. B. gegen Ihren Partner, wenn Sie sich z. B. nicht wahrgenommen glauben, können Sie möglicherweise jetzt biografisch einordnen und erkennen, nämlich, dass diese Wut auch oder vor allen Dingen dem Nichtbeachtet-worden-Sein von Mutter oder Vater galt oder noch gilt.

Emotionale Nachsozialisation und Vermittlung von Grundvertrauen durch korrigierende emotionale Erfahrungen: Wenn Ihr Grundvertrauen durch frühe Defizite oder Traumata beschädigt oder mangelhaft ausgebildet ist, wird der Therapeut versuchen, gute und heilsame Szenen und Atmosphären zwischen sich und Ihnen herzustellen. Sie werden die Erfahrung neuer und anderer Beziehungen machen. Zeitweilig wird dabei Ihr Therapeut für Sie wahrscheinlich in einer Übertragungssituation eine/n damals nicht vorhandene/n oder zu wenig vorhandene/n gute Mutter oder guten Vater verkörpern. Er wird versuchen, Ihnen das nahe zu bringen, was Sie von Ihren frühen Bezugspersonen nicht oder nicht ausreichend genug bekommen haben. Ihr Therapeut wird hierbei nicht so abstinent sein, wie Sie es vielleicht aus anderen Therapierichtungen gehört haben. Caring, holding und containing (Winnikot), also ein eher mütterliches Wunschprinzip des Nachnährens, werden so lange in Ihrer Therapie einen großen Stellenwert einnehmen, bis Sie genügend Kraft haben, um einen »Neubeginn« zu wagen, d. h., auch fertig zu werden mit Verzicht und Versagung.

Manche haben diese Form der Therapie auch »Nachbeelterung« genannt. Hier kommen neben verbalen vor allen Dingen auch körpernahe Behandlungsformen in Frage, wie z. B. körper- und bewegungsorientierte Therapien.

Erlebnisaktivierung und Persönlichkeitsentfaltung: Ihr Therapeut wird diesen Weg immer dann einschlagen, wenn Störungen durch Verarmung Ihrer Lebenswelt bedingt sind. Ziel ist es dann, Angebote der Umwelt wieder aufnehmen und somit neue Erfahrungen machen zu können. Gehemmte oder brachliegende Potenziale werden neu angeregt. Ihre kreativen Fähigkeiten, Ihr Ausdrucksvermögen können gezielt mit kreativen Methoden und Techniken gefördert werden. Dies findet in der Regel in Gruppen statt.

Solidaritätserfahrung: Hierbei geht es um den Ausbau Ihres sozialen Netzes, z. B. über Solidaritätserfahrungen mit anderen Gruppenteilnehmern und auch mit Ihrem Therapeuten. Über praktisches Tun werden gemeinsam Alltagsprobleme angegangen (Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot). Hier steht nicht Ihre Lebensgeschichte insgesamt im Vordergrund, sondern Ihre bzw. unsere Beziehung zur Umwelt und zum momentanen Lebensstress. Oft entstehen bei dieser Art des Vorgehens Selbsthilfegruppen.

Natürlich wird Ihr Therapeut mit Ihnen nicht den einen oder den anderen Weg gehen. Häufig wird es zu einer Mischung von verschiedenen Vorgehensweisen kommen. Gefühlszentrierte Sequenzen können sich mit konfliktzentriert-aufdeckender Arbeit oder mit körpertherapeutischer Bearbeitung von Ereignissen abwechseln. Rollenspiele können dem Einüben neuen Verhaltens dienen, Arbeit mit kreativen Medien kann als Förderung der Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit herangezogen werden.

Nochmals: Im Mittelpunkt steht immer die Beziehung und die Bearbeitung der Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Therapeuten bzw. den Szenen, die sich zwischen Ihnen aufspannen. Zur Verdeutlichung werden dann Methoden und Techniken genutzt, die die Gestalttherapie bereithält.

5. Welche Risiken sind zu beachten?

Die geschilderte Therapieform ist sowohl im klinischen als auch im präventiv-ambulanten Bereich erfolgreich. Durch den Einsatz nicht-verbaler Methoden und Techniken können eben auch besonders gut Störungen bearbeitet werden, die ihren Ursprung wohl eher im vorsprachlichen Bereich haben. Dies ist für die Psychose-Erkrankungen besonders wichtig.

Die Möglichkeit der Nachsozialisierung (Zweiter Weg der Heilung) muss besonders dann, wenn sie verstärkt über Körperarbeit und Körperkontakt geht, bei Psychose-Erkrankten mit sehr viel Vorsicht versucht werden. Arbeiten mit der leeren Stuhltechnik ist bei diesen Erkrankungen kontraindiziert, da es im Prinzip nur alte Traumata wiederholt. Auch in der frühen Kindheit waren ja Bezugspersonen nicht ausreichend anwesend.

Risiken in der Behandlung gibt es immer dann, wenn Sie an klinisch unerfahrene Therapeuten geraten. Sie sollten deshalb hellhörig sein, wenn sehr früh in der Therapie Übungen und Experimente im Vordergrund stehen und Sie den Sinn dieser Übungen nicht begreifen oder wenn Sie z. B. am Anfang der Therapie zum Ausagieren von Wut in Form von Schlagen oder Schreien aufgefordert werden oder wenn Sie mittels kreativer Medien sehr schnell an Erfahrungen gebracht werden, in denen Sie Angst um Ihre eigenen Grenzen bekommen.

6. Was ist besonders wichtig?

Der Titel »Gestalttherapeut« ist nicht geschützt. Sie müssen also Ihren Therapeuten fragen, ob er über ausreichende klinische Erfahrung mit Psychose-Erkrankungen verfügt und an welchem Institut er seine Ausbildung gemacht hat.

Unter den Dachverbänden DGIK und DVG sind die Institute aufgenommen, die eine seriöse und fundierte Ausbildung anbieten. Sie dauert in der Regel fünf Jahre. Adressen von Therapeuten können sie bei den Dachverbänden direkt bekommen, auch Zusatzinformationen, ob der- oder diejenige als Arzt/Ärztin oder klinische/-r Psychologe/-in arbeitet.

Im Verein Ärztlicher Gestalttherapeuten (VÄGP) sind die Ärzte zusammengefasst, die mit gestalttherapeutischen Methoden arbeiten.

7. Was kostet eine Gestalttherapie?

Die Kosten für eine Gestalttherapie oder eine Integrative Therapie werden in der Regel von der Krankenkasse nicht übernommen. Einzelne Krankenkassen bezahlen jedoch Gestalttherapie, wie z. B. die Techniker Kasse. Sondervereinbarungen mit anderen Kassen sind möglich. Privat zahlt der Patient pro Sitzung zwischen 50 und 70 Euro.

8. Adressen / Links zur Gestalttherapie

  • Deutsche Gesellschaft für Integrative Therapie, Gestalttherapie und Kreativitätsförderung (DGIK) e. V., Hauptstraße 94, 44651 Herne, Tel.: 02325/932521, Fax 02325/932523, www.agpf-ev.de/dgik.htm.
  • Deutsche Vereinigung für Gestalttherapie e. V. (DVG), Grupellostraße 30, 40210 Düsseldorf, Telefon 0211/3694638, Fax 0211/1640748, E-Mail: DVGGest2@aol.com.
    Fritz-Perls-Institut (FPI), Wefelsen 5, 42499 Hückeswagen, Tel.: 0 21 92/85 80, www.eag-fpi.de, E-Mail: info@eag-fpi.de.
  • Institut für Integrative Gestalttherapie, Würzburg (IGW), Theaterstraße 2, 97070 Würzburg, Tel.: 0931/354 45-0, Fax: 0931/354 45-44, www.igw-gestalttherapie.de, E-Mail: info@igw-gestalttherapie.de
  • TRYAS – Centrum für interkulturellen Erfahrungsaustausch, Psychotherapie, Psychiatrie und Psychohygiene, Kurzer Rehm 6, D-21465 Reinbek, Tel.: 0049/722/5553, Fax: 0049/722/5560
  • In der Schweiz: Stiftung Europäische Akademie – SEAK –, Steingrüblistr. 49, CH-9000 St. Gallen, Tel.: 0041/71/2442558.
  • TRYAS in Österreich: Marx-Reichlich-Str, 12/13, A-5020 Salzburg, Tel. u. Fax: 0043/662/623277.

 

Dr. med. Heike Melzer
Arzt Praxis für Coaching & Psychotherapie — Paar- und Sexualtherapie

Paradiesstr. 9
80538 München
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089-55278322
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