Psychoedukation

1. Woher stammt die Psychoedukation?

Psychoedukative Gruppen für Patienten und deren Angehörige werden zunehmend als Bestandteil einer fundierten Schizophreniebehandlung angesehen. Die Wurzeln der Psychoedukation liegen in der Verhaltenstherapie. Die Verhaltenstherapeuten gehen davon aus, das psychisches Erleben auf der Basis von körperlichen Voraussetzungen gelernt wird und jeder Mensch mit Hilfe eines Störungsverständnisses und unter Anleitung störungsbedingtem Erleben aktiv entgegenwirken kann.

Während verhaltenstherapeutische Standardmethoden sich auf die Verbesserung sozialer und emotionaler Kompetenzen (z. B. Verbesserung sozialer Wahrnehmungsfähigkeiten, Aufbau einer besseren Kommunikationsfähigkeit, Selbstsicherheitstraining etc.) richten und somit am Symptom vorbei behandeln, ist das Ziel der Psychoedukation, die aktive Bewältigung der Erkrankung selbst zu fördern.

In den 50er-Jahren wurde die positive Wirkung von Neuroleptika (zunächst Chlorpromazin, Imipramin, Haloperidol u. a. m.) auf die Verminderung psychotischer Symptome beobachtet und die Forschung belegte, dass die Gesundungswahrscheinlichkeit durch diese Wirkstoffe verbessert wurden und Rückfälle weniger häufig auftraten. Die Forschungsergebnisse zeigten auch, dass bei chronischen Verläufen die akuten Phasen durch diese Medikamente deutlich milder verliefen und kürzer andauerten.

Die Bereitschaft der Patienten zur regelmäßigen Einnahme der vom Arzt verordneten Medikamente war jedoch häufig nicht zufrieden stellend. Dies wurde auf fehlende Krankheitseinsicht, fehlendes Krankheitsverständnis und fehlende Aufklärung über die medikamentöse Behandlung zurückgeführt. Untersuchungen zeigten in der Tat, dass ein großer Teil der Betroffenen ihre Diagnose nicht kannte und dass die Patienten über die Behandlungsmöglichkeiten gar nicht oder nur schlecht informiert waren. Die mangelnde Bereitschaft zur Medikamenteneinnahme hatte ihren Grund aber auch in den starken Nebenwirkungen sowie in der Erkrankung selbst: In akut-psychotischen Phasen wird psychotisches Erleben wie Denkstörungen, Stimmen hören, Wahnvorstellungen etc. zunächst vom Patienten nicht als krankhaft wahrgenommen. Erst durch das Wiedererlangen der normal-psychologischen Verarbeitung ist der Patient in der Lage, dieses Erleben als abweichend von seinem ursprünglich alltäglichen Verhalten einzustufen, und damit als krankhaft und behandlungsbedürftig. Konnte die Einnahme von Medikamenten während der stationären Behandlung noch relativ gut gesichert werden, setzten die Patienten nach der Entlassung die Medikamente häufig ab. Es kam zu Rückfällen, die eindeutig vermeidbar gewesen wären.

In den 70/80er-Jahren begann man deshalb – zunächst in Nordamerika – mit einer gezielten Aufklärung über die Erkrankung, die Wirkung respektive die Nebenwirkungen von Medikamenten sowie die Entwicklung von gesundheitsförderndem Verhalten. Patienten und Angehörige konnten sich in Gruppen informieren und austauschen. Die psychoedukativen Behandlungsansätze wurden zunächst innerhalb der Familien schizophren Erkrankter erprobt und beforscht (Anderson et al. 1980, Falloon et al. 1982). Nachdem der Einsatz verhaltenstherapeutischer Behandlungsmethoden (s. o.) sich auch bei uns als erfolgreich erwiesen hatte (Buchkremer und Fiedler 1987), befasste man sich mit der Entwicklung von systematischen Gruppenprogrammen, den so genannten Psychoedukativen Manualen, um das Wissen Patienten und Angehörigen zugänglich zu machen.

2. Welche Idee steckt dahinter?

Zahlreiche Studien belegen, dass durch einen aktiven Umgang mit einer psychotischen Erkrankung und einer zuverlässigen medikamentösen Therapie die Rückfallhäufigkeit um ca. 60 % innerhalb eines Jahres reduziert werden kann. Mit Hilfe von Informationen über

  • das Krankheitsbild psychotischer Störungen (Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis und affektive Psychosen) mit Plus- und Minussymptomatik sowie den emotionalen Auswirkungen
  • die Verlaufsformen der verschiedenen Untergruppen der Erkrankung mit und ohne medikamentöse Behandlung
  • die Ursachen
  • das Erkennen von individuellen Frühwarnzeichen
  • die medikamentösen, psychotherapeutischen und soziotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten sollen Patienten und Angehörige zu aktiven Partnern im Behandlungsprozess werden. Durch den Austausch in der Gruppe sollen die Teilnehmer zusätzlich emotionale Unterstützung und Entlastung finden.

Grundlage für das Krankheitsverständnis bildet das Vulnerabilitäts-Stress-Modell von Zubin und Spring aus dem Jahre 1977. Zubin und Spring formulierten, dass eine Erkrankung nur dann ausbrechen kann, wenn

  1. eine Empfindlichkeit, die anlagebedingt oder lebensgeschichtlich erworben sein kann, vorhanden ist und
  2. eine innere oder äußere Stresssituation zusammentreffen.

Dabei wird von einer individuell unterschiedlichen Empfindlichkeit und Erkrankungsbereitschaft ausgegangen. So reagieren manche Menschen bei privatem oder beruflichem Stress mit Ängsten, andere mit Zwängen, Depressionen oder mit körperlichen Erkrankungen wie z. B. einem Magengeschwür, und einige mit psychotischem Erleben.

Anhand von Schaubildern wird verdeutlicht, dass weiteren Krankheitsepisoden mit Hilfe einer Erhöhung der Widerstandsfähigkeit entgegengewirkt werden kann. Die Widerstandsfähigkeit kann durch medikamentöse Therapie, Aufbau von Fertigkeiten in der Stressbewältigung oder Vermeidung von Stress erreicht werden.

Um eine bevorstehende Gefährdung und den Zeitpunkt eines aktiven Eingreifens zu erkennen, wird ein intensives Frühsymptomtraining durchgeführt. Dabei werden die individuellen Erfahrungen der Gruppenmitglieder berücksichtigt und durch Informationen über häufige Frühsymptomzeichen ergänzt. (Unter Frühsymptomzeichen versteht man Veränderungen im Erleben oder Verhalten von Betroffenen, die bereits vor einer akuten Phase auftreten wie z. B. Schlafstörungen, innere Unruhe, Vernachlässigung der äußeren Erscheinung oder Erhöhung des Nikotingebrauchs etc.) Der Erfahrungsaustausch und die Vermittlung von Informationen werden mit einem konkreten, individuellen Krisenplan abgeschlossen, der den Umgang mit den auftretenden Symptomen ebenso enthält wie Behandlungsempfehlungen, wobei insbesondere auf die medikamentöse Behandlung, ihre Wirkung und die Nebenwirkungen eingegangen wird.

3. Wie wird Psychoedukation angewendet?

An Patientengruppen nehmen Betroffene mit der gesicherten Diagnose einer Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis (paranoide Schizophrenie, hebephrene Schizophrenie, Schizophrenia simplex, sonstige schizophrene Erkrankungen sowie schizoaffektive Störungen) teil. Die Patienten müssen »gruppenfähig« sein. Patienten mit akuten psychotischen Symptomen oder starken Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen können erfahrungsgemäß dem Gruppenprozess nicht folgen und die Informationen für sich nicht gewinnbringend aufnehmen. Deshalb nehmen nur Patienten in ausreichend stabilisiertem Zustand an den Gruppen teil. Den anderen können die Inhalte der Psychoedukation individuell im Einzelgespräch vermittelt werden.

Teilnehmer der Angehörigengruppen sind Eltern, Geschwister, Partner und nahe Bezugspersonen wie Freunde oder auch Betreuer oder Laienhelfer. Nehmen Angehörige an Gruppen teil, dürfen keine Informationen über die betroffenen Patienten weitergegeben werden (ärztliche Schweigepflicht!!).
Psychoedukative Gruppen finden ein bis zwei Mal wöchentlich statt; Patientengruppen bestehen aus sechs bis acht Teilnehmern, Angehörigengruppen aus 12–15 Teilnehmern. Die Inhalte werden nach einem festen Ablauf (Curriculum) erarbeitet. Deshalb sind die Gruppen in der Regel geschlossen, d. h. während eines Gruppendurchlaufs werden keine neuen Teilnehmer aufgenommen. Es werden ca. 14 Sitzungen durchgeführt.

Die einzelnen Sitzungen werden meist unterteilt in eine Eingangsrunde, einen Erfahrungsaustausch, einen Informations- und Diskussionsteil. Die Gruppen werden in der Regel von einem Arzt oder Psychologen und einem Co-Therapeuten durchgeführt.

4. Wo wird Psychoedukation angewendet?

Psychoedukative Patienten- und Angehörigengruppen werden im stationären oder ambulanten Behandlungssetting in psychiatrischen Abteilungen von Kliniken angeboten. Viele psychiatrische Abteilungen verfügen über Institutsambulanzen, diese bieten ebenfalls häufig Gruppen für Patienten und Angehörige an.

5. Welche Risiken sind zu beachten?

Obwohl ein fundiertes Wissen über die Erkrankung die Prognose verbessern kann, kann die Auseinandersetzung mit der Erkrankung selbst eine starke Belastung darstellen. Erinnerungen an Krankheitsepisoden können wieder wachgerufen werden. Erfahrungen anderer Patienten können starke Ängste und Gefühle der Hoffnungslosigkeit auslösen. Die Wissensvermittlung kann individuell zu schwierig sein und zur Stressbelastung werden. Angehörige können mit ihrem erworbenen Wissen ihre kranken Familienmitglieder überfordern.

Ist die Psychoedukation sehr medikamentenorientiert, können psychologische Bewältigungsmechanismen und sozialpsychiatrische Unterstützungsmöglichkeiten aus dem Blickfeld geraten.

Ambulanten Patientengruppen empfehlen wir immer, dass jeder Betroffene während der Gruppenteilnahme einen festen Ansprechpartner außerhalb der Einrichtung haben sollte, der ihm zwischen den Sitzungen bei psychischer Verschlechterung Unterstützung leistet, ihm beispielsweise behilflich ist, einen professionellen Helfer aufzusuchen.

Falls Sie unsicher sind, ob eine psychoedukative Gruppe zu belastend für Sie ist, besprechen Sie dies bitte mit Ihrem behandelndem Nervenarzt oder Psychiater.

6. Was ist besonders wichtig?

Die Gruppen sollten von einem Arzt oder Psychologen geleitet werden, der therapeutisch ausgebildet ist und Erfahrungen im Umgang mit schwierigen Gruppen hat sowie fundierte Kenntnisse in der Behandlung von Patienten mit Psychoseerkrankungen.

Wichtig für Sie ist, dass Sie, sollten Sie sich für eine Gruppenteilnahme entscheiden,

  • regelmäßig an der Gruppe teilnehmen, da Sie ansonsten den »Faden« verlieren und Ihnen wichtige Informationen fehlen könnten.
  • Falls Sie etwas nicht verstehen oder anders beurteilen, äußern Sie das während der Diskussionsphase oder am Anfang der nächsten Sitzung – das ist wichtig, um sich zu entlasten.
  • Sorgen Sie für einen festen Ansprechpartner während des Gruppendurchlaufs, um sich bei Überlastung zu entlasten oder bei Auftreten von Frühsymptomen aktive Hilfe zu bekommen.

7. Was kostet eine Psychoedukation?

Ist die Psychoedukation Bestandteil der stationären Therapie, kommen keine Kosten auf die Teilnehmer zu.

Findet die Gruppe im Rahmen der Institutsambulanzbehandlung statt, benötigen Sie einen Überweisungsschein von Ihrem behandelnden niedergelassenen Arzt. Es entstehen Ihnen ebenfalls keine Kosten.

Als Serviceleistung vieler Krankenhäuser werden auch Gruppen für Angehörige angeboten. Die Kosten werden von den Krankenkassen nicht übernommen.

Psychoedukative Inhalte können auch in eine ambulante psychotherapeutische Einzeltherapie integriert werden. Sie stellen dann einen Teil des psychotherapeutischen Behandlungsplanes dar und die Abrechnung erfolgt im Rahmen der von der Krankenkasse bewilligten Einzelbehandlung. Ihr Therapeut muss dazu einen Antrag bei Ihrer Krankenkasse stellen und ein Gutachten mit einem auf Sie, Ihre Erkrankung und Ihre Lebensgeschichte abgestimmten Behandlungsplan erstellen.
Wünschen Sie als Angehöriger eine individuelle Psychoedukation, können die Kosten nicht von Ihrer Krankenkasse übernommen werden, da nur die Behandlung von Störungen mit Krankheitswert bezahlt wird. Eine Einzelstunde kostet zurzeit zwischen 45 und 100 Euro.

8. Adressen / Links zum Thema Psychoedukation

  • Fragen Sie Ihren Nervenarzt oder behandelnden Psychotherapeuten.
  • Fragen Sie in Ihrem Krankenhaus nach einer Gruppe.

 

Dr. med. Heike Melzer
Arzt Praxis für Coaching & Psychotherapie — Paar- und Sexualtherapie

Paradiesstr. 9
80538 München
Anfahrt →

089-55278322
E-Mail schreiben

 

 

 

 

 
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