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03.09.2018 | psyheu - Psychologie Magazin

Sexsucht und Fresssucht: Verhaltenssüchte mit vielen Gemeinsamkeiten

Gesamten Artikel finden sie ebenfalls auf der Webseite www.psyheu.de/11698

Sex und Essen gehören zu den sogenannten Primärtrieben der Menschen, die wir heute oftmals als Verhaltenssüchte als Pathologie wiederfinden. Sie dienen sowohl dem individuellen Überleben, als auch dem genetischen Erhalt der eigenen Art.
Essen und Sex aktivieren unser Belohnungssystem im Gehirn stark, das mit einer Ausschüttung des Glückshormons „Dopamin“ reagiert. Dopamin schenkt uns Wohlbefinden und signalisiert uns: „Das ist wichtig für dich! Sorg dafür, dass Du VIEL davon bekommst!“

Seit Menschheitsgeschichte waren Sex und Nahrung knappe und dadurch strategisch wichtige Ressourcen. Mittlerweile steht jedoch Nahrung im Überangebot zur Verfügung und neuartige sexuelle Superreize des Internets können per Knopfdruck aus der heimischen Komfortzone völlig autark abgerufen werden. Während unser Verstand die Neuigkeiten versucht einzuordnen und sinnig zu nutzen, arbeitet unser Belohnungssystem prinzipientreu wie ein Schweizer Uhrwerk nach einem jahrtausendlang bewährten Skript, in dem Nahrung und Sexualität mit großem Vorsprung auf Platz Eins stehen, gefolgt von Bindung, Anerkennung, Erfolg, Macht, Abenteuer und Abwechslung.

Welche Dimensionen und Verwerfungen diese konstante Überflutung mit sexuellen Superreizen für Betroffene und ihr Umfeld beudeuten kann, habe ich in meinem Buch „Scharfstellung: Die neue sexuelle Revolution“ ausführlich dargestellt, da bei sexuellen Grenzen, Möglichkeiten und Variationen derzeit kein Stein auf dem anderen bleibt.

Die Nahrungsmittelindustrie konditioniert unser Essverhalten durch und durch

Werfen wir erst einmal einen Blick auf das Thema Ernährung, das viele Parallelen zu der Sexualität aufweist.

Unseren Vorfahren ernährten sich vorwiegend von Getreide, Gemüse, Obst, Fisch und Fleisch aus regionalem Anbau. Kohlenhydrate und fettreiche Nahrungsmitteln sorgten für den überlebensnotwendigen Winterspeck, mit dem sich Hungerperioden überleben ließen.

Heute kaufen wir raffinierten Zucker für 0,65 € / kg und Sonnenblumenöl für 1,09 € / Liter. Nahrungsmittel stehen im Übermaß parat. Diäten und Stoffwechselerkrankungen begleiten einen Großteil der Bevölkerung über weite Strecken ihres Lebens. Pizzen mit Chips und Pommes als Belag, süße kleine, bunte Jelly Bellys, die Vielfalt von Haribo Colorado oder aromatisierter Quark aus Quetschtüten. Die Profiteure der Nahrungsmittelindustrie kennen unser Belohnungssystem im Detail und kreieren darauf abgestimmt immer wieder neuartige verführerische Texturen aus Fett, Einfachzucker, künstlichen Aromen und Farbstoffen.

Haben Sie sich nicht schon einmal gewundert, warum wir trotz fundiertem Wissen über Ernährung immer wieder die Ratio beiseitelegen, wenn uns schmachtend das Tiramisu beim Italiener, die Schwarzwälder Kirschtorte beim Konditor oder das würzig duftende Raclette auf der Almhütte zuzwinkert? Wir wissen doch alle, dass wir Einfachzuckern, gesättigten Fettsäuren und Alkohol besser aus dem Wege gehen sollten. Aber was helfen sachrationale und logische Gründe, wenn unser aufs Überleben trainiertes Belohnungszentrum dem Frontalhirn kurzer Hand den Stinkefinger zeigt und alle guten Vorsätze mit einem „jetzt sofort haben wollen“ in den Wind schlägt?

Mit der Zeit des übermäßigen, allseits verfügbaren Konsums reagieren unsere mittlerweile auf Geschmacksverstärker konditionierten und zugekleisterten Geschmacksknospen nur noch träge. Kinder werden auf Fruchtzwerge, Milchschnitte und McDonalds konditioniert, sodass ihnen mit der Zeit weder frisches Obst, Gemüse noch Milch pur mehr schmecken. Erwachsene, die in der Hektik des Alltags auf Fast Food und Fertigprodukte setzten, verlernen dabei die feinen sinnlichen Nuancen eines frisch zubereiteten Gerichtes zu würdigen. So manch einer nimmt erst nach einer Phase des Verzichtes beim Fasten oder während einer Diät war, wie grandios ein frischer Apfel, ein Vollkornbrot mit Kräuterquark oder ein frisch gepresster Möhren-Zitronen-Saft schmecken kann.

Herzkreislauferkrankungen sind die Todesursache Nr. 1 in Deutschland

Wer sich jedoch hedonistisch treiben und dem Belohnungszentrum freie Hand lässt, degeneriert nicht selten zur lebenden Marionette einer gigantischen, auf Gelüste und Verlockungen abzielenden.

In Deutschland sind laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung 59 % der Männer und 27 % der Frauen übergewichtig. Herzkreislauferkrankungen sind die Ursache für 50 % aller Todesfälle in Deutschland. Daran schuld sind Übergewicht, Bewegungsmangel, Bluthochdruck und Stoffwechselerkrankungen als Folge eines dysfunktionalen Essverhalten.

Laut WHO leiden weltweit über 400 Mio. Menschen allein an Diabetes Mellitus Typ II, der mit einer Störung des Insulinstoffwechsels einhergeht. Die Erkrankungsrate steht dabei in direkter Abhängigkeit zum Wohlstand: Während in armen Entwicklungsländern bevorzugt reiche Menschen erkranken, welche in der Lage sind sich Nahrung zu kaufen, erkranken in reichen Industriestaaten, in denen Nahrung günstig und im Übermaß vorhanden ist, vorwiegend arme Menschen. Die höchsten Zuwachsraten an Diabetes Mellitus Typ II verzeichnen aktuell Schwellenländer in Ozeanien, mittlerem Osten und Nordafrika, währenddessen in Industriestaaten der Trend stabil bis leicht rückläufig ist. Menschen, die aus einem Mangel heraus in ein Überangebot an Nahrung kommen, konsumieren in der Regel solange auf Vorrat, bis negative Begleiterscheinungen wie Übergewicht und Krankheiten zu einer Verhaltensänderung führen. Aus Mangel an Kenntnissen über die Erkrankung vergehen oftmals Jahre, bis die Symptome richtig gedeutet, diagnostiziert und therapiert werden.

Diäten begleiten unser Leben

Heutzutage verfügen wir über wesentlich mehr Wissen in Bezug auf Ernährung, Bewegung und Gesundheit als sämtliche Generationen zuvor. Durch breite Aufklärungsarbeit sind Menschen in der Lage zu reflektieren, um bewusst ihr Verhalten zu verändern. In einer Zeit von Aufmerksamkeitsdefiziten und Impulskontrollstörungen heißt der Schlüssel zum Erfolg heute Achtsamkeit und Selbstkontrolle. Nach dem Motto „Weniger ist mehr“ kommt der Abgrenzung und dem „Nein“-Sagen dabei eine zentrale Rolle zu.

Das Geschäft mit dem Gewicht boomt bei Anbietern wie „Weight Watchers“ und Co. Unzählige Diättipps füllen YouTube-Kanäle und Zeitschriften. Der Run auf Fitnesscenter ist so hoch wie nie zuvor. Bücher wie „Für immer zuckerfrei“ und „Darm mit Charme“ halten sich über Monate und Jahre in der Top 10 der Spiegel-Bestsellerliste. Die vor einigen Jahren noch belächelte und für verrückt erklärte Fraktion der Vegetarier und Veganer liegt heute voll im Trend: Immer mehr Menschen tauschen das Schnitzel mit Pommes gegen einen grünen Smoothie ihrer Wahl ein.

Dabei geht es vielen Menschen nicht allein darum, dass sie Fleisch, Fisch und Milch nicht mögen, sondern auch darum, ganz bewusst die skrupellosen Machenschaften der Massentierhaltung nicht weiter zu unterstützen.

Auch das Fasten erfreut sich einer immer größeren Anhängerschaft, denn durch den passageren Verzicht auf Nahrungs- und Genussmittel kann sich unser Körper regenerieren und wird wieder sensibler für die alltäglichen Genüsse. Gewinner der neuen Freiheit sind diejenigen, die gekonnt den Versuchungen von Sahnetorte, Chips und Cola eine Absage erteilen und es schaffen, sich regelmäßig aufs Fahrrad zu setzen oder durch den Park zu joggen. Die Verlierer werden zum Spielball ihres Glucose-Insulin-Kreislaufes und enden in folgenschweren repetitiven Reiz-Reaktions-Zyklen einer Fettsucht oder Stoffwechselerkrankung.

Sex, Beziehung und Fortpflanzung waren eng miteinander verbunden

Ganz ähnlich, nur mit einem stärkeren Effekt auf unser Belohnungssystem, wirkt Sex. Seit Menschheitsgeschichte lebten unsere Vorfahren wesentlich kürzer, gründeten bereits in jungen Jahren Familien und der Zusammenhalt in der Familie und Sippe war überlebensnotwendiger Bestandteil zur Sicherung der Aufzucht von Kindern. Frauen wägten sorgsam ab, mit wem sie Sex hatten, denn Sex, Beziehung und Fortpflanzung waren damals noch unumgänglich miteinander verwoben.

Kinder zu haben machte Frauen verletzlich, kostete ihnen nicht selten schon bei der Geburt das Leben und entließen sie in eine jahrelange Abhängigkeit von Partner oder dem Familienverbund. Logischerweise lagen deshalb bei der Partnerwahl Versorgungs- und Bindungsmotive ganz weit vorn. Während Frauen sparsam ihre begrenzten Eizellen pflegten und hegten, konnten Männer weitaus verschwenderischer und sorgloser mit ihren bis ins hohe Alter zur Verfügung stehenden Millionen Spermien pro Ejakulation umgehen.

Männer waren dann evolutionär erfolgreich, wenn sie es schafften, Gewehr bei Fuß die wenigen Momente sexuell weiblicher Verfügbarkeit erfolgreich abzupassen. Das Screening weiblicher Reize und sexueller Optionen gehörte damit zu ihrer Tagesordnung. Die Kombination aus aufgestauten Testosteron und Adrenalin, besonders während kriegerischer Auseinandersetzungen oder auf der Jagd mit längerer häuslicher Abwesenheit, kanalisierte sich nicht selten in einem eruptiven Stressabbau im Rahmen gewalttätiger sexueller Übergriffe.
In der Regel begrenzte sich die Anzahl sexueller Kontakte auf weniger als eine Handvoll Partner im Leben und etwaige Ausschweifungen konnten besonders für Frauen immense Folgen für Leib und Leben zur Folge haben.

Die Anbahnung von Sex fand im direkten Kontakt im alltäglichen Leben statt, sei es am Lagerfeuer oder beim Tanz in den Mai. Als Aphrodisiakum kamen pflanzliche Substrate wie Kräuter, Gewürze und später Alkohol zum Einsatz und Pornografie beschränkte sich auf Sprache in Wort und Text sowie unbewegte, zumeist gemalte Bilder. Die Fantasie war eine der größten Ressourcen sexueller Energie und obwohl Masturbation im Schussfeuer von kirchlichen oder gesellschaftlichen Vorgaben stand und als nicht erstrebenswert galt, wurde sie heimlich flächendeckend betrieben.

Sexuelle Superreize lassen uns zum Spielball eines gefräßigen Belohnungssystems werden

Heute stehen sexuelle Superreize der Pornografie und unverbindliche und käufliche Sexkontakte rund um die Uhr und über den heimischen Laptop, Tablet oder Smartphone steuerbar in Hülle und Fülle zur Verfügung. Sex ist dabei der mit Abstand stärkste natürliche Aktivator, vor allem des männlichen Lustzentrums und wird dabei nur noch von Drogen wie Kokain getoppt.

2014 entdeckte ein Forscherteam in Cambridge, dass die Gehirnaktivitäten von Sex- und Kokainsüchtigen beim Anblick ihres Suchtmittels ganz ähnlich reagieren. Dabei arbeitet unser Belohnungssystem unspezifisch wie ein stumpfes Messer nach besagtem archaischen Alles-oder-Nichts-Prinzip. Einmal auf „An“, oder besser ausgedrückt auf „Geil“, geschaltet, wird ein kaskadenartig evolutionär eintrainiertes Reiz-Antwort-Muster freigesetzt, das nach sexueller Befriedigung sucht.Heute stehen sexuelle Superreize der Pornografie und unverbindliche und käufliche Sexkontakte rund um die Uhr und über den heimischen Laptop, Tablet oder Smartphone steuerbar in Hülle und Fülle zur Verfügung. Sex ist dabei der mit Abstand stärkste natürliche Aktivator, vor allem des männlichen Lustzentrums und wird dabei nur noch von Drogen wie Kokain getoppt.

Männer und Frauen reagieren bei der Darreichung von Pornografie gleichsam mit einer starken sexuell-genitalen Aktivierung. Bei Frauen nimmt innerhalb weniger Minuten die Beckendurchblutung zu, die Klitoris und die Schamlippen schwellen an, die Scheide wird feucht, die Gebärmutter stellt sich auf und die Brüste werden größer und steifer. Beim Mann kommt es zu einer Erektion, der Hodensack zieht sich zusammen und die Hoden werden dabei näher an den Körper gezogen. Die Atemfrequenz steigt ebenso wie der Blutdruck und die Muskulatur nimmt an Tonus zu, während die Haut sich leicht rötet und die Pupillen sich weiten.

Bei dem Bewerten unterscheiden sich Männer jedoch signifikant von Frauen, denn Männer erleben die körperliche Erregung zumeist stimmig zu ihrem subjektiven Lustempfinden, während Frauen irritiert sind, wenn sie eine Diskrepanz zwischen körperlicher Erregung zu für sie abstoßenden Pornosequenzen erleben. Dies liegt vermutlich an einem über Jahrtausende antrainierten Schutzprogramm, das Frauen selbst bei körperlichen Übergriffen wie Missbrauch und Vergewaltigungen vor Schmerzen und Verletzungen bewahrt.

Logischerweise ist unserem Stirnhirn bewusst, dass in der Pornografie nicht die Realitätabgebildet wird und wir hier vor unseren Monitoren lediglich sexuelle Trockenschwimmübungen aus der Konserve machen. Wenn sich das Ergebnis nur nicht so verdammt gut und befriedigend anfühlen würde! Wir haben mit den Angeboten im Internet einen mächtigen Hebel in die Hand bekommen, um unser archaisches Lustzentrum völlig autonom ohne Bindungspartner mächtig in eruptive Schwingungen zu versetzen.

Sexsucht ist eine Stoffwechselstörung des Dopaminhaushaltes im Gehirn

Im Übermaß genossen, gehen Verhaltenssüchten, zu denen auch Sex- und Pornosucht gehören, mit einer Stoffwechselstörung des Dopamin-Haushaltes im Gehirn einher, das evolutionär auf derartig hohe sexuelle Dauerstimuli nicht ausgerichtet ist.

Nach ersten Schätzungen liegt die Zahl von weltweit Sex- und pornosüchtigen Betroffenen ähnlich hoch wie die von Diabetes Mellitus. Sie hängt maßgeblich mit der zeitlichen Verfügbarkeit von schnellem und kostengünstigem Internet zusammen und kennt weder Alters-, Bildungs- noch Ländergrenzen. Selbst Königshäuser, Politiker und Prominente aus Funk und Fernsehen bleiben davon nicht verschont, wenn man den Enthüllungen der Medien Glauben schenken darf.

Weltweit kommt es aktuell zu einem Aufhorchen, denn die Anzahl von Berichten über gravierende gesundheitliche, partnerschaftliche und berufliche Schwierigkeiten durch Verhaltenssüchte nehmen rasant zu. Porno- und Sexsüchtige sind die besten Kunden der Pharmaindustrie, denn sie reagieren auf natürliche Reize nur noch abgedämpft und unterstützen eine mangelnde Potenz oftmals schon in jungen Jahren mit Potenzmitteln.

Wissenschaftliche Publikationen bringen immer mehr Licht in die Dunkelheit, auch wenn nur schwerlich mit der atemberaubend dynamischen Entwicklung Schritt zu halten ist. Im Gegensatz zum Übergewicht, das für alle ab einem gewissen Zeitpunkt sichtbar wird, konsumieren Junkies im Triebmodus aus Scham und Unwissenheit häufig unsichtbar im Verborgenen. Es dauert in der Regel Jahre bis Jahrzehnte bis die Symptomatik zum Vorschein kommt, dann oftmals im fortgeschrittenen Stadium und zu spät, um die Notbremse zu ziehen. Von daher sind die Berichte, die wir aktuell hören, nur der Gipfel des Eisberges, denn viele Einzelschicksale und Doppelleben sind noch unsichtbar und liegen unterhalb der Oberfläche.

Sexfasten ist eine Option, seine Sinne für natürliche Reize zu schärfen

Die Verbreitung von fundiertem Wissen, präventive Maßnahmen und Möglichkeiten zur Früherkennung in einem auf Verhaltenssüchte sensibilisierten Gesundheitswesen wären wichtige Voraussetzungen, um die Erkrankungsrate zu reduzieren und um Betroffenen schnell und nachhaltig zu helfen. Diejenigen, die das Steuer in der Hand behalten, die sich informieren und das gewonnene Wissen in konkrete Handlungen für sich umsetzen, die es schaffen starken Reizen eine klare Absage zu erteilen und ähnlich einer Fastenzeit im Rahmen eines Reboots auf sexuelle Superreize für eine gewisse Zeit zu verzichten, um ihren Dopamin-Haushalt in Ordnung zu bringen, sind die Gewinner der Entwicklung. Sie genießen die dazugewonnene Freiheit ohne ihre Lebensziele und Werte aus den Augen zu verlieren. Die Verlierer agieren oftmals im Verborgenen und werden über Jahre hinweg zu Gefangenen ihres Suchtkreislaufes, in dem sie alles, was ihnen lieb und wichtig ist, aufs Spiel setzen.

Nach dem Motto erkennen – verstehen – handeln erwachen aktuell viele Menschen aus dem Rausch der vergangenen Jahre. Sie werden hellhörig, informieren sich und schließen sich in Gruppen zusammen, die dem Konsum von Sexualität als Ware eine konkrete Absage erteilen. Dabei spielt weniger eine Abneigung gegen Pornografie und Masturbation an sich, sondern vielmehr die bewusste Entscheidung gegen die Machenschaften der Porno- und Sexindustrie und den Schattenseiten von Sexarbeit eine Rolle. Sie wollen nicht an der Nadel der Sex- und Pharmaindustrie enden, sondern bei Zeiten bewusst gegensteuern, um für sich und andere ein Statement zu setzen.

Schauen wir einmal in die USA, dort gibt es eine immer größer werdende Gruppe an Menschen, die sich der „No-Fap“-Bewegung anschließen, um ganz bewusst auf Pornografie und Masturbation zu verzichten. Viele Menschen sehen mittlerweile einen reflektierten Umgang mit der Thematik als entscheidendes Qualitätsmerkmal bei der Wahl eines verbindlichen Partners an, zumindest für die Gründung einer Familie mit Kindern. Im deutschen Raum bin ich dabei, ähnlich der No-Fap-Bewegung, die Reboot-Initiative zu gründen. Dem Forum, das Betroffenen und Angehörigen eine Plattform für einen breit gefächerten Austausch zu der Thematik bietet, wird ein Trainingsprogramm folgen, das Menschen begleitet, die ganz bewusst einmal in der Abstinenz ihre Sinne wieder für natürliche Reize schärfen wollen.

Ein Paar, das meine Hilfe suchte, hat im Verlauf der Therapie einen wie ich finde sehr guten Deal gefunden. Der Mann, der häufig im Keller einsam vor Pornografie seine Freizeit verbracht hat, verpflichtete sich, mit Pornografie gänzlich aufzuhören. Er beklagte jedoch die starke Gewichtszunahme seiner Frau seit Eheschließung. Diese willigte daraufhin ein, parallel zu der Abstinenz des Mannes ein straffes Diätprogramm durchzuführen, in der sie ihre überschüssigen Kilogramm erfolgreich abspeckte. Somit hatten wir zwei Personen, die gleichsam in Richtung Verhaltensveränderung zogen und sie motivierten sich in der Verfolgung eigener Ziele positiv wechselseitig.

Auf Vorträgen oder in Workshops werde ich immer wieder vor allem von jungen Menschen gefragt, ob die ganze Entwicklung nicht auch etwas Positives habe. Mir liegt dann immer am Herzen, mich von denen zu distanzieren, die mit einer moralischen Keule daherkommen, Ängste schüren und versuchen, ein Schwarz-Weiß-Denken zu zementieren. Auch die triebhafte Seite unserer Sexualität ist, ähnlich wie bei Alkohol oder Süßigkeiten, weder gut noch schlecht, denn sie ist ein Teil von uns, die ihre Existenzberechtigung hat. Wichtig ist die Frage der Dosis, der Auswahl und des Umgangs, der es manchen Menschen ermöglicht, ein Gefühl der Freiheit und Leichtigkeit zu erleben, während andere in einem Gefühl von Enge und Schwere in repetitiv süchtigen oder zwanghaften Schleifen steckenbleiben.

Das „Ja“ zu etwas gewinnt erst durch ein „Nein“ zur Abgrenzung an Bedeutung

Warum sich nicht einmal durch Pornos klicken, ähnlich dem Genuss einer Praline, solange es ein Genussmittel bleibt. Wir müssen aktuell lernen, mit der Freiheit, Sex und Nahrung nach Lust und Laune konsumieren zu können, konstruktiv umzugehen. Dabei kommt in einer Zeit der Fülle der Abgrenzung und dem „Nein“ eine immer größere Rolle zu, um dem „Ja“ Kontur und Bedeutung zu geben, damit man nicht in den Tunnel rutscht, in dem aus Luststeigerung Verhaltenssüchte werden.

Die Entwicklung ist nicht mehr zu stoppen. Nutzen sie die neuen Freiheiten und Veränderungen verantwortlich, damit sich die Steine, die unaufhaltsam ins Rollen gekommen sind, nicht zu einem Steinschlag auswachsen, sondern für sie mit der Leichtigkeit und dem Move von „Rolling Stones“ daherkomme

 

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